Dieser Artikel, um es gleich vorneweg zu
nehmen, wendet sich vor allem an
Deutsch-Inder, also an Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen
sind, so wie der Autor selbst.
Um die Diskussion zum Thema bikulturelles Aufwachsen in Deutschland
fortzusetzen, und unn eure Gedanken zum
Thema zu hoeren, vertrete ich hier die provozierende These, dass die meisten
der in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Deutsch-Inder gar nicht bi-kulturell
sind, sondern eigentlich mehr oder weniger deutsch. Wir muessen deshalb
vorsichtig mit dem Begriff ‘bikulturell’ umgehen und duerfen ihn nicht zu
ueberstrapazieren und ihn als ‘Ausrede’ fuer jedes Problem benutzen.
Wie komme ich darauf? In der letzten Ausgabe der
“Meine Welt” waren mehrere Artikel zum Thema bi-kulturelle Partnerschaften und
deren Probleme abgedruckt, die mich dazu brachten ueber das Thema Bikultur und
Deutsch-Indische Jugendliche nachzudenken. Zwei Fragen stellten sich mir dabei.
Erstens, wie bikulturell sind junge Deutsch-Inder* eigentlich, und zweitens,
kann man in Deutschland überhaupt bikulturell aufwachsen?
Zuerst moechte ich klaeren, was ich mit
bikulturell eigentlich meine. Bikulturell definiere ich als, die Faehigkeit
zwei Kulturen nicht nur zu verstehen sondern sich in beiden Kulturen zu hause
zu fuehlen, d.h. sich problemlos in beiden Kulturen in die Lebensformen und
Denkweisen einfügen zu koennen. Im deutsch Indischen Verhaeltnis erschoepft
sich Bikulturalität demnach nicht allein darin, dass man auf dem Boden sitzt
und mit den Fingern essen kann oder gerne Hindi Filmmusik hoert und dazu Hosen
mit Loechern trägt. Die Frage ist viel mehr, wieviel der deutschen und der
indischen Lebensweise, Philosophie, Geschichte, Religion, Musik und Mythologie
junge Deutsch-Inder kennen, und wie ‘wohl’ sie sich in beiden fühlen?
Mal ehrlich, wieviele von uns koennen denn eine indische Sprache sprechen oder
wieviele kennen Geschichten aus der indischen Mythologie? Andererseits, kennen
wir nicht sehr viele Geschichten aus der Deutschen Sagenwelt und Mythologie?
Dieses Wissen ist aber gerade wichitg um eine Kultur wirklich zu verstehen und
sich in ihr zu hause zu fuehlen. Ich bin daher der Meinung, dass vielen jungen
Deutsch-Indern das Indische eher fremd und exotisch ist, und sie daher nicht
wirklich bikulturell sind. Daher sollte man vorsichtig sein, wenn man die
vermeintliche Zweikultuerlichkeit als Ausrede fuer eine nicht funktionierende
Beziehung nimmt. Oft sind die Probleme einfach menschlicher Art und habe ihre
Ursache nicht in der vermeinltichen Zwiekultur..
Akzeptiert man dieses Feststellung,
schliesst sich hieran die zweite Frage an, naemlich ob man in Deutschland
ueberhaupt bikulturell aufwachsen kann? Ich behaupte, dass es schwer ist in
Deutschland in und mit zwei Kulturen aufzuwachsen, vielleicht schwerer als in
anderen Laendern. Der Einfluss der deutschen Kultur auf die Entwicklung junger
Deutsch-Inder überwiegt deutlich. Der Gegensatz koennte ja auch groesser nicht
sein. Wie soll jemand, der in einer Gesellschaft aufwaeechst, in der
Individualität ganz gross geschrieben wird, die ‘Philosophie’ Indiens verstehen
und leben, deren Kern besagt, dass der Einzelne immer zu Gunsten des Ganzen
zurückzustehen hat? Es ist schwer diesen Widerspruch zu loesen und die Frage bleibt
ob sich der Gegensatz der zwei Kulturen ueberhaupt ueberwinden laesst?
Ueberwindung bedeutete jedenfalls, damit leben zu koennen, dass alles relativ
wird, dass grundlegende Dinge die in Deutschland richtig und angemessen sind in
Indien rundheraus falsch sein koennen und umgekehrt. Frau Spohn, drückte das in
ihrem Vortrag während des Jugendseminars in Bad Boll 1996 so aus: “Was der
bikulturelle Mensch in sich vereint, wird von der jeweiligen Umgebung häufig
als unloesbarer Konflikt diametral entgegengesetzter Lebensweisen gesehen”.
Frau Spohn zitiert ferner den libanesichen Dichter Khalil Gibran, der gesagt
hat: “Sich verwirrt zu fühlen, ist der Anfang wahren Wissens”. Verwirrt so
glaube ich fuehlen sich die meisten jungen Deutsch-Inder, die in Deutschland
aufwachsen. Aber sind wir deshalb schon bikulturell?
Ich denke, dass Verwirrt sein der erste
Schritt ist auf dem Weg zur Bi-oder auch Multikultur. Was aber ist der naechste
Schritt? Wie oben schon erwaehnt sind viele der jungen Deutsch-Inder verwirrt
weil sie naemlich z. T. diametral entgegengesetzte Lebensweisen in sich
vereinen muessen, ohne es zu wissen und ohne damit umgehen zu koennen.
Bikultur, so meine ich, bedeutet, gelernt zu haben mit diesem Widerspuch zu
leben indem man naemlich die Kulturen ‘ueberwindet’ und eine Synthese der
beiden Lebensweisen erreicht so dass man beide Kulturen versteht und sich in
beiden heimisch fuehlt. Wie aber kann das geschehen? Ich denke, dass man eine
Synthese der Kulturen dadurch erreichen kann, dass man mit den Kulturen in
gewisser Weise bewusst ‘spielt’ und sie dadurch relativiert. Man wandelt
Situationen in Rollenspiele um und versucht sich vorzustellen, wie bestimmte
Situationen in Indien und in wie sie in Deutschland ablaufen wuerden. Man
handelt dann je nach “Kulturraum” in dem man sich aufhaelt, aber im
Bewusstsein, dass man die selbe Handlung in dem anderen Kulturraum so nicht
hätte zeigen koennen. Wie ein Schauspieler entscheidet man sich bewusst fuer
die passende Rolle bzw. die der Situation angemessenen Reaktion. Zum Beispiel
wird in Deutschland von einem Jugendlichen erwartet, dass er/sie kritisch
denken und argumentativ diskutieren kann. Beides wird gemeinhin im
Schulunterricht betont. In Indien kann man natuerlich ebenso kritisch denken
und argumentativ diskutieren, es haengt allerdings mehr davon ab, mit wem man
spricht, man muss also oft Einschraenkungen machen. Mit dem aeltesten Onkel
muss man anders reden als mit einem gleichaltrigen Cousin. Ein anderes Beispiel
ist die ‘Verfuegungsgewalt’ die ein aelterer Verwandter in Indien ueber einen
juengeren hat. Da muss man sich als Juengerer Eingriffe in die
Persoenlichkeitssphaere gefallen lassen, die man in Deutschland nicht
akzeptieren wuerde. Man muss aber in der Lage sein, auch diese Situationen
durch Uebernahme der passenden Rolle zu ‘meistern’. Wichtig ist, sich ins Bewusstsein zu ruecken, was die alternativen
Handlungen in den jeweiligen Kulturen waeren und warum, und dann
entscheiden, welche Handlung in der jeweiligen Situation angemessen ist. Was
kann uns das bringen? Wenn man lernt mit Kulturen zu spielen und sie dadurch
relativiet ist es einfacher Dinge zu tun, die man sonst nicht tun wuerde (z.B.
sdie Fuesse eines Aelteren zu beruehren). Was man gewinnt ist eine gewisse
Sicherheit und vor allem Toleranz. Und das ist meiner Meinung nach auch was den
Bi odeer Multi kulturellen Menschen auszeichnet.
Man wird sich der Sache (Individualität) bewusst,
konkretisiert sie, definiert sie und benutzte sie oder spielt mit ihr. Es
besteht hierbei natürlich mimmer die Gefahr dass man diese Situationen ausnutzt
und eine Kulutr gegen die andere ausspiket und sich immer das einfachste
heraussucht.
Die Konseqünz aus diesem Verständnis ist voellige
Offenheit im täglichen Umgang und fast “wertfreies” Denken. Das, denke ich,
fällt vor allem in Deutschland sozialisierten Menschen besonders schwer. Aber,
diese Fähigkeit zu erlangen, so glaube ich, ist die groesste Herausforderung
die die Bikulturalität mit sich bringt und es ist gleichzeitig die grosse
Chance wirkliche Toleranz zu erlangen. Und dann sind bikulturelle
Partnerschaften einfach ein Klacks auch überhaupt kein Problem mehr!!!
Die Frage kann ja nicht lauten “koennen bikulturelle
Partnerschaften funktionieren?” - wie man auch in anderen Ländern
zur Genüge sieht, koennen sie funktionieren so wie andere Partnerschaften auch.
Uns was genau ist Bi-kulturell eigentlich? Eine Ehe zwischen einem
Norddeutschen und einer Bayerin kann in einigen Faellen auch schon als “kulutruebergreifend
bezeichnet werden. Das “Problem” ist ja nicht die Bikulturalität ansich sondern
die Einstellung der Partner zueinander, es ist also letztendlich eine Frage der
Toleranz. Dabei gestehe ich ein, dass von einer bikulturellen Partnerschaft von
beiden Partnern mehr Toleranz gezeigt
werden muss, als in einer so genannten “normalen” Partnerschaft.
Eine Kultur ist einem Menschen ja nicht
angeboren, sondern er waechst in sie hinein und er’lebt’ sie. Jemand der in
Deutschland aufwaechst erlangt damit eine starke Praegung durch die Deutsche
Umgebung. Aber als Deutsch-Inder haben wir auch die Chance in eine zweite
Kultur, naemlich die indische hineinzuwachsen und sie verstehen zu lernen. Das
wuerde uns dann wirklich Bikulturell machen
*Als Deutsch-Inder definiere ich hier mal
alle hier geboren und aufgewachsenen mit zumindest einem indischen Elternteil